Irgendwie kommt es mir so vor, als wenn ich mit diesem Artikel ein kleines Tabu breche. Vielleicht ist dem gar nicht so, aber ich fühle mich ein bisschen schlecht, wenn ich jetzt wirklich schwarz auf weiß bzw. helllrosa niederschreibe und zugebe, dass ich manchmal keine Lust auf spielen habe.

Das kann doch nicht normal sein. Man bekommt doch normalerweise Kinder, weil man mit ihnen spielen möchte, weil man ihnen spielerisch die Welt zeigen will, weil man selbst noch einmal Kind sein möchte bzw. sich mit ihnen ständig in seine eigene Kindheit zurückversetzt fühlen will. „Ich sehe die Welt nun durch die Augen meiner Kinder“ liest man seeeehr oft und höre ich auch immer wieder von Freunden und Bekannten, die ebenfalls Eltern geworden sind. Klar, ich finde es toll, wenn man sich 10 Minuten lang mit dem Beobachten eines Marienkäfers beschäftigen kann oder dass man sich als Kind nicht verstellen muss (einfach mal dem Gegenüber sagen, dass man hier zuerst war und einem deswegen alles alleine gehört – die Welt als Kind ist irgendwie herrlich einfach). Also ich verstehe schon, was man damit meint – aber bedeutet das auch, dass man als Erwachsener immer mit vollster Leidenschaft Pferdchen spielen muss und auch nach 2 Stunden immer noch genauso viel Spaß am Ritterkampf haben muss?

Mein IST-Zustand

Ich bin Mama von zwei Jungs. Der Große ist im September 3 Jahre alt geworden und der Kleine ist 18 Monate alt. Und es ist anstrengend. Jeden Tag. Weil der Kleine noch sehr viel körperliche Hilfe erfordert: wickeln, immer wieder zum Trösten auf den Arm nehmen, aufpassen, dass er nicht überall raufklettert und abstürzt, herumtragen auf dem Weg zum Auto, damit es mal schneller geht, füttern, wenn man ihn danach nicht sofort in die Badewanne stecken möchte etc.
Und der Große ist seit zwei Jahren in seiner Persönlichkeitsentwicklungs-Phase. Der Mann sagt dazu immer: „Ruhige Kinder sind langweilig. Ich liebe sein Wesen und die Herausforderung, die es mit sich bringt.“ Ja, das hat er schön gesagt. Auch die Songzeile „It hurts to grow up“ von Ben Folds wird seit der Phase des Großen sehr häufig zitiert. Er macht also einiges durch mit seinen 3 Jahren und muss erst noch lernen, mit seinen Emotionen umzugehen.
Wenn ich also nach der Arbeit am Nachmittag mit den beiden alleine bin, dann muss ich spieletechnisch Gas geben, also interessant für die zwei sein, damit der Kleine keinen Quatsch anstellt und der Große nicht unzufrieden wird. Er ist nämlich noch nicht so gut darin, sich alleine zu beschäftigen. Ich bin sicher, mit der Zeit wird es besser, aber aktuell kleben meine zwei Lieblinge jede freie Minute an mir.

Erkennt ihr, was wir gebaut haben?

Was mache ich also mit ihnen?

Ich laufe auf allen Vieren durch die Wohnung als knurrender Tiger mit geschlossenen Augen – sie müssen definitiv geschlossen sein, weil man nur so ein böser Tiger ist – und versuche dabei, den Kleinen auf meinem Rücken zu balancieren, weil der natürlich mitspielen will. Oder ich verkleide mich als Pirat und kämpfe spielerisch mit dem Großen – den Kleinen habe ich dabei auf dem Arm, da er sonst meckern oder ein Schwert abbekommen würde. Oder ich spiele Kasperletheater und bekomme klare Anweisungen vom Großen, was ich zu sagen habe.
Darth Vader wird auch gerne genommen und ich atme mir nen Wolf hinter vorgehaltener Hand und trage dabei den schwarzen Piratenhut verkehrt herum, damit ich wenigstens ein bisschen so aussehe wie „Sta Wäjder“. Das Schlimmste ist: Ich habe in meinem Leben noch keinen einzigen „Star Wars“-Film gesehen und habe überhaupt keine Ahnung davon. Der Große schnappt aber alles in der Kita auf und regt sich auf, wenn ich die Dinge falsch benenne. Hinweis an mich: in „Star Wars“ einlesen!
Ich mache mich also täglich in ihrem Spiel gerne zum Horst für sie und freue mich, wenn sie großen Spaß daran haben. Aber: Sie kennen kein Ende. Und nach der 30. Wiederholung bin ich nicht mehr ganz so Feuer und Flamme wie sie. Im Gegenteil: Ich bin dann immer etwas erleichtert, wenn der Freund des Großen (praktischerweise wohnt er im selben Haus) klingelt und die beiden in ihre eigene Welt abtauchen. Dann bin ich mal kurz befreit – zumindest von einem Kind. Puh! Wie geht es euch denn? Macht euch das Spielen mit den Kindern rund um die Uhr immer Spaß? Ist das Spielen mit euren Kindern die Erfüllung eurer Freizeit? Oder könnt ihr mich ein wenig verstehen und braucht manchmal auch eine Pause vom Spielen?

Mein Alltag

Ich arbeite 30 Stunden an vier Tagen, schreibe regelmäßig für den Blog und habe eben zwei kleine Kinder. Alles Dinge, die großartig sind, aber Energie kosten. Und dann ist da ja auch noch der Haushalt, der gemacht werden will. Meine Batterie ist also ziemlich häufig leer. Und wirklich oft aufladen kann ich sie nicht, da ja auch die Wochenenden nicht frei sind. Vom Schlafmangel will ich hier gar nicht schreiben.

Draußen spielt es sich am schönsten.

Aber jetzt kommt die gute Nachricht

So schlecht ich bislang selbst in diesem Artikel wegkomme, so positiv möchte ich aber enden: Jede Mama hat etwas, das sie ganz besonders gut kann. Und ich kann zum Beispiel spitzenmäßig Bücher vorlesen. Da verstelle ich die Stimmen und zeige auf jedes kleinste Detail im Bild und erkläre es auch gerne 100 Mal. Und den Jungs macht es genauso viel Spaß wie mir. Dauerschleife ist beim Büchervorlesen ein Klacks für mich.
Außerdem lasse ich mir spielerisch im Alltag helfen. Ich verbinde also das Nützliche mit dem Spaßigen: Zum Wäschewaschen kommen sie immer mit in den Keller und lieben es, die Trommel zu befüllen.
Beim Kochen werden beide in ihre Stühle gesetzt und jeder hat sein kleines Spiel-Schneidebrett, hilft mit und darf alle Zutaten probieren.
Außerdem kann ich mich absolut dafür begeistern, wenn sie mir zeigen, was sie gebaut oder gemalt haben. Da kann ich großartig loben. Ist doch auch eine schöne Eigenschaft. Hihi.
Und nicht zuletzt bin ich im Kuscheln ne glatte 1! Das ist für mich wahrlich eine Win-Win-Situation und nach dem ausgiebigen Tigerspiel wird dann eben ganz oft chillen gespielt.
Zum Glück kommt dann auch irgendwann der Mann von der Arbeit nach Hause und übernimmt mit der frischesten Leidenschaft. Er ist nicht nur der beste Lego-Bauer (siehe Foto). Die Kids haben doppeltes Glück: Ihr Papa denkt sich zum Ende eines jeden Tages die allerschönsten und ausgiebigsten Gute-Nacht-Geschichten über Käpt’n Blaubart und seine Crew – bestehend u.a. aus Klabautermann Darth Vader – sowie den Feinden Käpt’n Schwarzauge und dem Römer aus. Blaubart isst am liebsten Pizza und auf der Schatzsuche treffen sie auf Flugdrachen und Brontosaurier.

Und noch eine gute Nachricht: Was mir auch immer hilft, wenn ich k.o. vom Spielen bin, sind Artikel wie der von der Süddeutschen Zeitung über die Langeweile von Kindern und warum diese wichtig ist. Denn Langeweile fördert Kreativität. Und ein ebenso beruhigender Satz für mich: „Eltern sind Eltern, keine Entertainer.“
Mir kommt auch manchmal das Zitat von Karl Lagerfeld in den Sinn: „Meine Mutter hat immer zu mir gesagt: ‚Streng dich an, wenn du mit mir sprichst. DU bist vielleicht 8 Jahre alt, aber ich nicht.'“ Gut, so drastisch sehe ich es nicht: Kinder sind Kinder und ich bewege mich sehr gerne in ihrer Welt. Aber dennoch muss ich über den Satz manchmal schmunzeln, da er ausdrückt, dass man auch als Mama nicht alles und 24 Stunden lang dem Kind unterordnen muss. Und aus Lagerfeld ist ja schließlich auch etwas geworden, oder?

Beim Kochen und Backen helfen beide gerne mit.

Wenn es euch also manchmal genauso geht wie mir und ihr fix und fertig vom Spielen seid, braucht ihr kein schlechtes Gewissen haben: Keine Lust haben ist auch mal erlaubt. Eure Kinder stehen zwar an erster Stelle, aber direkt neben euch, denn auch ihr habt ein Recht darauf, an erster Stelle zu stehen. Und es ist gut, Schwächen zu haben und darüber zu sprechen. Ihr habt so viele Dinge, in denen ihr als Mama dann immer noch richtig gut seid und euch keiner die Butter vom Brot nehmen kann. Auch wenn es ab und zu eben mal nicht in der kindlichsten Kategorie, dem Spielen selbst, ist. Da dürfen und müssen dann eben auch manchmal die Onkel, Tanten, Großeltern und Freunde ran, damit ihr Kräfte für den nächsten Spiele-Nachmittag sammeln könnt…

Eure Katrin

Autor

6 Kommentare

  1. Ganz großartig hast du unsere Gedanken & Gefühle offengelegt. Toll! Und irgendwie lieben wir doch unseren Mama-Job und es ist verdammt lustig, wenn man die Tage mal so reflektiert, was wir jeden Tag Tolles leisten! Ich hab herzlich gelacht, danke für den wirklich tollen Artikel! Drück dich!

    • Liebe Nina, vielen Dank für deinen Kommentar. Da freue ich mich wirklich, dass du Spaß mit dem Artikel hattest und du hast auch absolut Recht: Am Ende des Tages können wir alle ganz schön stolz sein, was wir jeden Tag leisten. Und später können wir gemeinsam mit den Kindern über die Geschichten lachen. Ich wünsche dir einen schönen Tag!

  2. Liebe Katrin,

    zuerst die „schlechte“ Nachricht auch mit 6 Jahren spielen sie noch mit großer Freude und Ausdauer Rollenspiele mit und ohne Legozubehör.(Die Freude hat ne mir jedoch auch ein Verfallsdatum.)Auch ich kenne so kleine Regisseure..😉 Aber: Sie werden nachsichtiger mit ihren Mamas und l assen sie auch wieder in Ruhe in ihre kleine Auszeit mit einem Kaffee und einem Buch abtauchen.Und wenn die leinen Geschwister erst einmal „in einem spielfähigem Alter sind (bei uns 3 Jahre),bevorzugen sie auch lieber das große Geschwisterkind.So ist dann oft schonmal kein Einlass hinter der verschlossenen Türe des Kinderzimmers.

    Dein Mann hat Recht:Lieber so als anders.Aber ich war und bin auch keine Rollenspielmama und kann dich vollkommen verstehen! (Und wenn du mit Insiderwissen zu Star Wars punkten willst:Dank meines Experten bin ich mittlerweile bestens informiert und eingelesen).

    Liebe Grüße

    • Liebe Annika, vielen dank für deinen Kommentar. Tut echt gut, dass es einem nicht nur alleine so geht. Und oh weia: Mit 6 muss ich mich noch immer verkleiden? Oh weia. Aber ein Lichtblick: dass der Kleine bald den Großen spannender finden wird. Tschakka, darauf arbeite ich hin. 🙂 Ganz liebe Grüße, Katrin

  3. Hallo Kathrin,
    ich merke, ich bin nicht alleine… Ich wundere mich immer wieder über die Ausdauer von Kindern. Trotz Kindergarten, mit Freunden spielen, Turnen usw. muss dann ja noch mit Mama/Papa gespielt werden. Ich brauche nach der Arbeit manchmal einfach nur einen Kaffee und ein kleines bisschen Ruhe und mein Sohn (3,5 Jahre) knöttert schon: “ Mensch, mir is voll langweilööösch!!“ Vielleicht lasse ich mich dann beim nächsten mal einfach vom Piraten kapern und an den Mast binden… Ausruhen 2.0…
    Liebe Grüße,
    Judith

    • Liebe Judith,
      genauso ist es! Auspowern und viel Programm reicht leider nicht, wenn sie danach selbst noch nichts mit ihrer freien Zeit anzufangen wissen. Grmpf! Ich gehe jetzt bald mal das Thema „1. Schwimmkurs“ an. Dein Sohn ist ja im selben Alter meines Großen (Fridolin ist 3,4 Jahre alt) – da hat man zumindest mal einen Nachmittag lang ein anderes Programm als Piratenkampf. 🙂 Lieben Dank für deinen Kommentar und halte durch!
      Liebe Grüße
      Katrin

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